...so lautete die Schlagzeile des “Chemnitzer Tageblattes” am 17. März 1930. Bei dem erstochenen Nationalsozialisten handelte es sich um den Einsiedler SA-Scharführer Kurt Günther. Aber gehen wir erst noch einmal drei Tage zurück....

...denn mit dem hier rechts abgebildeten Aufruf zur “Protestkundgebung gegen die Annahme des Youngplanes” im gleichem Blatt fing alles an:

 

Doch lesen wir nun den Bericht vom 17. März weiter:

Ein mehr als furchtbares Ende nahm die Nationale Kundgebung der Nationalsozialisten und des Stahlhelms am 16. März 1930 in Chemnitz. Die Kundgebung richtete sich gegen die Annahme des Young-Planes und somit war klar, daß das Moskowitscher Untermenschentum als Verbündeter des jüdischen Finanzmagnaten aus “Dollarika” ihre Mordlegionen zu Gegenmaßnahmen schickten. Schon die um Mittags stattfindende Kundgebung des Widerstandsblocks der nationalen Jugend an diesen Tag hatte gezeigt, daß das Reichsbanner ebenso wie die Kommunisten es darauf abgesehen hatten, Zusammenstöße um jeden Preis herbeizuführen. Allein den energischen Vorgehen der Polizei war es zu verdanken, daß nicht schon hier wohlvorbereitete Überfälle von Seiten des Reichsbanners und der Kommunisten, die jetzt zu gleicher Zeit in den selben Straßen unserer Stadt demonstrierten, zur Durchführung kommen konnten.
Trotzdem bis dahin Überfälle der Roten vereitelt werden konnten, sollte es am Nachmittag bei dem Umzug der Nationalsozialisten und der Stahlhelmer zu schwersten Gewaltakten kommen.
Wie von Augenzeugen berichtet wurde, kam es beim Marsch durch die Hainstraße zu einem regelrechten Überfall durch die Kommunisten. Während bis dahin alles ohne Zwischenfälle abgegangen war, wurde der Zug der nationalen Verbände trotz dem umfangreichen Polizeiaufgebot plötzlich mitten auf der Hainstraße auf ein gegebenes Alarmzeichen der Kommunisten von allen Seiten überfallen.
Vor allem versuchte man, das Ende des Zuges abzuschneiden, es gelang jedoch der Polizei, durch energisches Vorgehen bald wieder Ordnung zu schaffen. Wie rabiat bereits hier die Kommunisten vorgingen, beweist schon die Tatsache, daß von Seiten der Polizei Schreckschüsse abgegeben werden mußten. Hatte es hier schon eine Anzahl Leichtverletzte auch unter den Polizeimannschaften gegeben, so sollte sich doch das gemeinste Verbrechen, daß man sich an diesen Tagen des Gedenkens unserer für Freiheit und Ehre des Vaterlandes Gefallenen vorstellen kann, nach erfolgter Auflösung des Zuges ereignen.
Es war gegen 17 Uhr, als ein Trupp von etwa 15 Nationalsozialisten auf dem Heimweg an der Ecke Annaberger- und Fritz-Reuter-Straße von kommunistischen Massen in der feigsten und brutalsten Weise mit Messern und Dolchen überfallen wurde, wobei acht Nationalsozialisten verwundet wurden, sechs davon schwer. Von diesen ist der 26jährige Nationalsozialist, SA-Scharführer Kurt Günther aus Einsiedel b. Chemnitz, seiner schweren Verletzung (Bruststich) an diesem Sonntag Abend gegen 20 Uhr erlegen. Die übrigen Verletzten waren glücklicherweise schnell wieder außer Lebensgefahr.

Soweit also der Bericht des “Chemnitzer Tageblattes” vom 17. März 1930. (Vorlage: J. Werner)

Hintergrundwissen SA:
Abkürzung für Sturmabteilung, paramilitärische Kampf- und Propagandatruppe der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Derartige Truppen unterhielten in der “Weimarer Republik” viele der großen Parteien und Massenorganisationen, um Störungen eigener Versammlungen mit Gewalt zu bekämpfen und um gegnerische Versammlungen mit terroristischen Mitteln zu stören.
Zum Beispiel unterhielten die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) den “Rotfrontkämpferbund” und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) das “Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold”.
Der SA strömten vor allen zur Zeit der Weltwirtschaftskrise viele neue Mitglieder zu. In Straßen- und Saalschlachten, insbesondere gegen die Kommunisten, entfesselten Teile der SA eine Terrorwelle. Nach der Machtübernahme der NSDAP stieß der Plan, die auf über 2 Mio. Mitglieder angewachsene SA zu einer Art Volksarmee umzubilden, auf den Widerstand der Reichswehr, welche sich als einziger Waffenträger der Deutschen Reiches verstand. Mitte 1934 entschied der Reichskanzler Adolf Hitler sich dann auch für die Reichswehr als Kern der neuen, geplanten Wehrmacht. Nach dem Vorgehen Hitlers gegen den Chef der SA, Ernst Röhm und andere hohe SA-Führer am 30. Juni 1934 verlor die SA ihre politische Bedeutung.
In den Nürnberger Prozessen 1945/46 wurde die SA nicht zu einer verbrecherischen Organisation erklärt.

Oben: Die Beerdigung Kurt Günthers wurde -das war in dieser Zeit gang und gäbe- zu einem politischen Spektakel in Größenordnung. Ein Feind für die einen (Reichsbanner und Kommunisten), ein Märtyrer für die anderen. Im Dritten Reiche nannte man die bis zur Machtübernahme Gefallenen “Blutzeugen der Bewegung”.
Links: Das Grab von Kurt Günther am 29. März 1930 auf dem Einsiedler Friedhof.
(Foto: Gerd Arnold)

Links ein Foto von Kurt Günther.
(Foto: J. Werner)
Zu seiner Person sind weitere Daten bekannt:
Kurt Hugo Günther wurde am 23. Juni 1904 in Einsiedel geboren. Er war von Beruf Tischler und Hornist bei der Freiwilligen Feuerwehr Einsiedel. Er war der Sohn von Hugo Günther, des Wehrleiters der Feuerwehr. (Damals war die Bezeichnung: “Kommandant und Hauptmann der Freiwilligen- und Pflichtfeuerwehr”).

Kurt Günther wurden postum einige Ehren zuteil. In Einsiedel trug der SA-Sturm fortan den Namen “Kurt-Günther-Sturm”, das Turnerheim am Dittersdorfer Weg und die Turnstraße wurden nach der Machtübernahme durch die NSDAP nach ihm benannt.
Ebenso soll auf Initiative seiner Schwestern eine Passagiermaschine seinen Namen bekommen haben (?) und in Erdmannsdorf hat es einen Gedenkstein für ihn gegeben.

Seltsamerweise wurde der Tod von Kurt Günther im Buch “750 Jahre Einsiedel” lediglich durch Nennung seines Namens publiziert (S. 67). Im gleichen Abschnitt werden der durch die SA ermordete Reichsbanner-Mann Paul Franke (aus Erfenschlag!) und seine Beerdigung auf dem Einsiedler Friedhof weit ausführlicher beschrieben.
Ich denke aber doch, dass die Zeitzeugen Einsiedler Geschichte entsprechend behandelt werden sollen, auch oder vor allem, wenn deren Mitgliedschaft zu einer bestimmten Organisation heute keineswegs mehr dem Zeitgeist entspricht!

Hintergrundwissen Young-Plan:
1929. Nach wie vor leidet die deutsche Wirtschaft schwer unter den Reparationsleistungen für den verlorenen ersten Weltkrieg. Die im Dawes-Plan vom 9. April 1924 festgelegten Verpflichtungen erwiesen sich als eine nicht tragbare Belastung. Im Juni 1929 legte daher ein Sachverständigenausschuss unter Leitung von Owen Young einen neuen Vorschlag für die Reparationszahlungen vor. Dieser Plan kam dem deutschen Wunsch nach Senkung der Schuldenlast entgegen. Der Preis indes war hoch; die Reparationssumme wurde nun auf 112 Milliarden Reichsmark mit einer Laufzeit bis 1988 (!) festgelegt, wobei eine durchschnittliche Jahresrate zwei Mrd. Reichsmark betrug. Der Vorteil war, das die seit dem Dawes-Plan als Sicherheit unter ausländischer Kontrolle stehenden Institutionen „Reichsbahn“ und „Reichsbank“ fortan wieder unter voller deutscher Souveränität standen. Für die Annahme der im Young-Plan festgeschriebenen Zahlungsverpflichtungen erreichte der deutsche Außenminister Gustav Stresemann im August 1929 die Zusicherung der Alliierten, das gesamte Rheinland bis zum 30. Juni 1930 zu räumen. Dies war fünf Jahre früher, als im Versailler Vertrag 1919 festgelegt worden war.
Nichtsdestotrotz stieß der Young-Plan in Deutschland auf breitesten Widerstand, vor allem die lange Laufzeit rief Empörung im rechten Lager hervor.
Im Dezember 1929 initiierten die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) und der Stahlhelm einen Volksentscheid gegen den Young-Plan. Dieses Wahlbegehren scheiterte allerdings, da für einen Erfolg die Zustimmung von 50% aller Wahlberechtigten nötig gewesen wäre, sich aber nur 13,5% im Volksbegehren gegen den Young-Plan aussprachen. Somit wurde der Young-Plan am 12. März 1930 durch den Reichstag angenommen. Eine lange Laufzeit war diesem indes nicht beschieden, als Folge der Weltwirtschaftskrise wurde er auf der Konferenz von Lausanne im Juli 1932 aufgehoben.


Der Mord an Kurt Günther