Die Friedenseiche 1871

Ein Foto von der Ortsmitte im Winter 1928. Links das Wohnhaus des ehemaligen Pfarrgutes an der Harthauer Straße 2 (links davon befanden sich noch zwei zugehörige Wirtschaftsgebäude), dann die Friedenseiche 1871, weit dahinter das alte Postamt, der Bahnübergang, dahinter das Rathaus und das Wohnhaus Hauptstr. 85, ganz rechts dann Hauptstr. 87 (damals mit dem Geschäft “Schokoladen-Selbmann”).
(Foto: Ingobert Rost)

Die gleiche Stelle, 1. Mai 2005. Das beim Bombenangriff zerstörte Pfarrgut ist heute ein wesentlich kleineres Wohnhaus. Ebenfalls zerstört und in anderer Architektur wieder errichtet: die Post, fast ohne Schäden das Rathaus. Die weiße Giebelseite gehört zur Hauptstr. 83, das rote Satteldach ist die Hauptstr. 85. Heute auch wesentlich größer als vor der Zerstörung: Das Gebäude Hauptstr. 87.
Ordentlich in Größe und Umfang hat im Laufe der Jahrzehnte natürlich die “Friedenseiche 1871” zugenommen. Bis weit in die 1980er Jahre hing an ihr ein kleines Schildlein mit eben dieser Aufschrift. Seither war es verschwunden...

...aber am 1. Mai 2005 wurde durch den
Verband zur Pflege der Einsiedler Geschichte
ein neues Schild angebracht. Beispielnehmend an der Teuerungseiche ist das neue Schild wesentlich größer und vor allem informativer als sein Vorgänger und hat nun folgenden Wortlaut:

1871
Friedenseiche

Diese Eiche
- gepflanzt von Einsiedler Bürgern -
ist dem Friedensschluss im
Deutsch-Französischen Krieg 1870/71
und der Gründung des
Deutschen Reiches
am 18. Januar 1871 gewidmet.

Die Gemeinde Einsiedel
hatte in diesem Krieg
einen Toten zu beklagen.

Unsere Vergangenheit ist immer
auch ein Teil unserer Gegenwart.


Bei dem Toten handelt es sich um den Jäger Hans Tröger vom II. Jägerbataillon Nr. 13.
“Jäger” ist hier als militärische Klassifizierung der Waffengattung und nicht im weidmännischen Sinne zu verstehen.


Ich glaube es lohnt sich, hier den Hintergrund für das Setzen dieser Eiche noch etwas zu beleuchten, um der heutigen Generation aufzuzeigen, was unserer Vorfahren bewegt hatte, diesen Baum zu pflanzen. Für die Hintergründe zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 siehe den Artikel “Am Plan”. Die Reichsgründung will ich hier kurz erläutern:

Am 18. Januar 1871 wird im Spiegelsaal zu Versailles das Deutsche Reich gegründet. Dem vorausgegangen waren verschiedene Einzelverträge mit eben diesem Ziel zwischen dem Norddeutschen Bund und den Großherzogtümern Baden und Hessen (15.11.1870), dem Königreich Bayern (23.11.1870) und dem Königreich Württemberg (25.11.1870).
Wilhelm der I., König von Preußen, nahm durch Proklamation an das deutsche Volk die erbliche Würde des Deutschen Kaisers an. Dieser Kaiser ist der höchste Mann im Staate, seine Aufgaben sind sehr vielseitig und für das Land von immenser Bedeutung. Fehlentscheidungen können ungeahnte Folgen haben. Ihm stehen die Ausfertigung und Verkündung der Reichsgesetze zu, er erklärte im Namen des Reiches Krieg und Frieden, ist Oberbefehlshaber über die gesamte Armee und er kann den Bundesrat berufen oder schließen. Auch ernennt und entlässt er die Reichsbeamten, auch den ersten Beamten des Reiches, den Reichskanzler.
Die Verfassungsurkunde für das Deutsche Reich trat am 4. Mai 1871 in Kraft. Dieses Deutsche Reich ist ein “Ewiger Bund“ von 25 deutschen Staaten und wird sich innerhalb weniger Jahrzehnte zur einer hochgerüsteten, anerkannten und gefürchteten Industriemacht entwickeln. Reichshauptstadt wird Berlin.

Auf dieser Ansichtskarte sind die 25 Staaten mit ihren Wappen dargestellt:
Obere Reihe v.l.n.r.:
GH Baden, KR Preußen, KR Bayern, KR Sachsen, KR Württemberg, HT Anhalt
2. Reihe:
GH Mecklenburg-Schwerin, HT Sachsen-Meiningen, GH Oldenburg, FS Hamburg, FS Bremen, HT Braunschweig, GH Sachsen-Weimar, GH Mecklenburg-Strelitz
3. Reihe:
FT Schwarzburg-Rudolstadt, FT Waldeck & Pyrmont, FT Reuß ältere Linie, GH Hessen, FS Lübeck, FT Schaumburg-Lippe, FT Reuß jüngere Linie, FT Lippe-Detmold, FT Schwarzburg-Sondershausen
4. Reihe:
HT Sachsen-Altenburg, HT Sachsen-Coburg-Gotha
Dazu kam das soeben wieder eroberte Reichsland Elsaß-Lothringen. Dieses ehemals deutsche Gebiet fiel im Dreißigjährigen Krieg an Frankreich, dann 1871 an Deutschland, 1918 an Frankreich, 1940 an Deutschland und seit 1945 ist es wieder bei Frankreich.
Abkürzungen:
KR = Königreich, GH = Großherzogtum, HT = Herzogtum, FT = Fürstentum, FS = Freie Stadt

Weiterhin dargestellt der Reichsadler und als Relief in der Mitte Wilhelm der II., seit 1888 Deutscher Kaiser.

Ergänzend sei noch gesagt, dass es heute in ganz Deutschland noch viele dieser Eichen gibt, die aus gleichem Grunde im Zuge des “Allgemeinen Landesfriedensfestes” gepflanzt wurden.
Auch das damals noch selbständige Berbisdorf erinnerte sich an den Sieg über den “Erbfeind” mit einer eigenen Friedenseiche.

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friedenseiche weihnacht 1972 1

Die Friedenseiche 1871 im Advent 1972. In diesen Vorweihnachtstagen wurde der Baum in den anlässlich der stattfindenden Weihnachtsmärkte geschmückten mittleren Ortsteil einbezogen und mit einem Adventskranz verziert. Es ist schon erstaunlich, was damals für ein Aufwand betrieben wurde und es ringt einem heute mit dem Wissen um das sozialistische Mangelwirtschaftssystem große Achtung ab!
(Foto: Bernd Obermaier)

Der Baum am 2. Juni 2005.
Vielleicht ist es mir gelungen, dem hochgeschätzten Besucher zu vermitteln, dass in der Einsiedler Ortsmitte nicht einfach nur ein Baum steht...

Die "Friedenseiche 1871"