Das Gebäude Hauptstraße 124 um 1920. Das mit reichlich Holz erbaute und verzierte Haus wurde am 5. März 1945 ein Raub der Flammen und in dieser Form nicht wieder errichtet.
(Foto: Matthias Kreißel)

Ein Foto (Matthias Kreißel) aus den frühen 1930er Jahren. Ich will den Blick des Betrachter einmal auf die Tafel mit dem Stahlhelm links von der Personengruppe wenden...

...Diese Tafel war ein Wegweiser, dazu eine kurze Geschichte. 1930 stellte der Eigentümer des Nachbargutes, Wilhelm Müller, der Erzgebirgsverein Einsiedel einen schmalen Streifen seines Grundstücks bereit, damit dieser auf der hangaufwärts liegenden “Körnerhöhe” einen Aussichtspunkt errichten konnte, der für jedermann zugänglich sein sollte. Der Name “Körnerhöhe” war zu Ehren des Schriftstellers Theodor Körner gewählt. Ein auf der Anhöhe geplanter Bau eines “Riesenpilzes” sollte den Besuchern Schutz vor Witterung bieten.

Aus dem Vorhaben wurde nichts, eine Familie Leibfried hatte 1931 das Grundstück gekauft und dort das sogenannte “Stahlhelmheim” (Blockhütte) errichtet. Nur die Mitglieder des Stahlhelms durften den Aufgang benutzen, der damit auch einen Namen erhielt: “Stahlhelmweg”. Die Organisation führte oben im Gelände ihre Zusammenkünfte und paramilitärischen Ausbildungen durch. Im Dezember 1932 wurde in das Stahlhelmheim eingebrochen. Lebensmittel, Essbestecke mit Hirschhorngriffen und zwei Fahnen wurden gestohlen. Das Diebesgut hatte einen Wert von annähernd 90 Mark.
(Kerndaten: Ingobert Rost)

Das Foto zeigt das ehemalige “Stahlhelmheim” in seinem Zustand in den 1960er Jahren.
(Foto: Haus & Grund Einsiedel/Hans Morgenstern)

Hintergrundwissen „Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten“:
In der Weimarer Republik gab es bei den demokratischen Parteien für soldatische Traditionen wenig Verständnis.
Eine sträfliche Missachtung ob der Millionen Teilnehmer des 1. Weltkrieges, die ihren Einsatz für das Vaterland durch die neue Republik nicht gewürdigt sahen. Diese Problematik wurde jedoch baldigst von der politischen Rechten erkannt. Bereits kurz nach Kriegsende, im Dezember 1918 gründete Franz Seldte in Magdeburg den „Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten“. In dieser neuen Organisation sollte das Wirken der Weltkriegsteilnehmer Anerkennung finden. Der „Stahlhelm“ war paramilitärisch organisiert. Für seine bis 1930 auf 500.000 angewachsenen Mitglieder galt die Wehrsportpflicht, so sie dafür körperlich tauglich waren.
Eindeutig oppositionell zur Demokratie der Weimarer Republik eingestellt, bildete der „Stahlhelm“ im Oktober 1931 mit der „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und der „Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), welcher er von Anfang an nahe stand, die „Harzburger Front“.
Nach der Machübernahme im Deutschen Reich durch die NSDAP wurde der „Stahlhelm“ unter der Bezeichnung “Nationalsozialistischer Deutscher Frontkämpferbund” 1934 organisatorisch in die Sturmabteilungen (SA) eingegliedert („Freiwillige Gleichschaltung“) und dann 1935 als Traditionsverband aufgelöst.

Das Gebäude im Jahre 1980 (mit Schmuck anlässlich der 725-Jahr-Feier) und am 24. September 2006. Im Hintergrund die Scheune des Müllergutes.
(Foto links : Matthias Kreißel)

Luftbildaufnahme vom 17. August 2005. Am unteren Bildrand Hausnummer 124.
Darüber mit der schwarzen Giebelverkleidung Nr. 122, vormals Bäckerei Nötzel.
Darüber Nr. 120, Tischlerei Berthold, vormals “Restaurant Schützenhaus”.

Hauseigentümer der Nr. 124 war damals der Malermeister Hans Kempe, seines Zeichens letzter Ortsgruppenführer der NSDAP in Einsiedel, bis die Partei im Mai 1945 verboten wurde.
In der nebenstehenden Zeitungsannonce vom 1. Juli 1939 lesen wir, dass Hans Kempe dieses Parteiamt am 3. Juli 1939 angetreten hat.
Nach dem Krieg im Zuge der Entnazifizierung erfasst, wanderte Kempe eine Zeit lang ins Gefängnis.
(Vorlage Annonce: Ingobert Rost)

Seiner Tochter war später als sogenannte Neulehrerin an der Einsiedler Schule tätig.

Der nach dem Kriege als Ersatzbau für das einstmals stattliche Gebäude errichtete Flachbau am 24. September 2006.


Einsiedler Hauptstraße 124  
"Kempe-Maler"