
Der Gasthof “Kaiserhof” in der Hauptstraße Nr. 3. Oben eine Reklameanzeige aus den “Chemnitzer Neuesten Nachrichten” vom 8. Februar 1913, links eine Fotopostkarte um 1900.
In dieser Zeit muß es auch gewesen sein, dass der damalige Besitzer es den Mitgliedern der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) erlaubte, in seinen Räumen Vereinsvergnügen abzuhalten. Dazu muß man wissen, dass die nach Ende des Sozialistengesetzes wieder öffentlich auftretenden Genossen in Einsiedel keinen Gastwirt fanden, um ihre regulären Versammlungen durchführen zu können. In wie weit die “Vereinsvergnügen” schließlich ausgelegt wurden, ist nicht bekannt...
Hintergrundwissen Sozialistengesetz:
Vollständiger Name: „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“. Das Sozialistengesetz wurde am 19. Oktober 1878 mit der Stimmenmehrheit der konservativen Kräfte im Reichstag verabschiedet und trat zwei Tage später in Kraft. Es galt mit Verlängerungen bis zum 30. September 1890. Reichskanzler Bismarck nahm die am 11. Mai 1878 von Max Hödel und am 2. Juni 1878 von Dr. Karl Eduard Nobiling verübten Attentate auf Kaiser Wilhelm I. zum Anlass, das Gesetz durch das Parlament zu bringen, wobei er wahrheitswidrig verbreiten ließ, Nobiling sei Sozialdemokrat gewesen.
Das Gesetz verbot Versammlungen und Druckschriften der Sozialdemokraten. Es war jedoch weiterhin möglich, als Einzelperson bei Wahlen für die Sozialdemokratie zu kandidieren. So wirkten die Fraktionen des Reichstages bzw. der Landtage legal. Letztendlich aber war es für die Genossen sehr schwierig, eine Partei zu führen, wenn sowohl Versammlungen als auch Schriften verboten waren. Das Ziel des Sozialistengesetzes, die Reduzierung der Stimmen für die Sozialdemokraten bei den Reichstagswahlen, wurde jedoch nie erreicht. Das Gegenteil trat ein, zwischen 1881 und 1890 wuchs der Stimmenanteil auf das über 4,5-fache. Seitdem war die Sozialdemokratie ein ernstzunehmender Machtfaktor. Im Nachhinein steht aber das Fazit, dass durch dieses Gesetz die Integration von Arbeitern und Sozialdemokratie in Staat und Gesellschaft nachhaltig erschwerte wurde.


Links Fotopostkarte (Jürgen Fritzsche), rechts Lithographie (Andreas Wildfeuer), beides nach 1900.


Damals nicht anders wie heute, waren die Wirte steht’s um die werte Kundschaft bemüht. Reklame um 1907 links und oben auf der Lithographie um 1910. In Zeiten weniger Autos ist die Bekanntgabe der “Gehzeit” zum Bahnhof (10 Minuten) von großer Bedeutung.


Zwei Lithographien, links eine Gesamtansicht von 1911, rechts ein Blick in den Saal. Diese Karte lief am 15. Oktober 1920.
(Vorlage links: Gerd Schmieder)


1925 eröffneten die “Kaiserhof Lichtspiele”. Mit seinen mit rotem Cord bezogenen Klappsesseln wird dem Kino ein fast großstädtisches Flair nachgesagt und die Veranstaltungen wurden dementsprechend rege genutzt. Der Lichtspielsaal hatte 439 Sitzplätze, Eigentümer zu dieser Zeit war Erich Weilach.
(Fotos: Matthias Löffler)

Foto links um 1929. Zu dieser Zeit war Alfred Agsten als Pächter des Gasthauses eingetragen.
Die Litfaßsäule wurde später einige Meter Richtung Funkstraße versetzt und überdauerte hier die gesamte DDR-Zeit. Sie wurde erst nach der Wende entfernt.
(Foto: Matthias Löffler)





Die vorangegangenen sechs Fotos oben zeigen uns Außenputzarbeiten und die endgültige Fertigstellung des Lichtspieltheaters im Jahre 1940. Zur Wiedereröffnung gab man den Film “Der Feuerteufel” mit Luis Trenker, wie wir aus unten stehender Werbung erfahren.
Die zwei Fotos in der Mitte gewähren uns auch einen Blick in den Innenhof des Gasthauses.
Unten rechts sehen wir die an dieser Stelle (linke Bildseite...) beginnende neue Straßenführung ab 1938. Details dazu siehe Kurt-Franke-Straße.
(Fotos und Reklame: Matthias Löffler)



Der 5. März 1945 brachte auch für den “Kaiserhof” das Ende, das Gebäude wurde beim Bombenangriff völlig zerstört und nicht wieder errichtet.
(Fotos links und rechts:
Matthias Löffler
unten: Torsten Richter)


Nach Jahrzehnten als freie, unbebaute Stelle, wurde 1999 von Matthias Löffler auf dem Grundstück eine Autowerkstatt errichtet. Wie beim ehemaligen Gasthaus “Drei Eichen”, so ist auch der Name “Kaiserhof” nicht ganz aus Einsiedel verschwunden, sondern wird, wenn auch in anderer Branche, weitergeführt.
Foto vom 31. Oktober 2004.



Die Werbebotschaft oben links aus dem “Einsiedler Wochenblatt” von 1935 verspricht nicht zuviel:
Die Kegelbahn sehen wir auf dem linken Foto und oben hat sich der Verein “Stoppel-Quartett” zum Foto vor dem Gasthof aufgestellt. Auf der Standarte ist zu lesen “StoppelQuartett Kalt Eisen früh-heim”, wobei ich selbst damit nichts anfangen kann. Auf Grund der “Hutmode” ist es sicher eine lustige Männergesellschaft, die allerhand Zuspruch erfuhr...
Rechts eine Werbeanzeige im “Chemnitzer Tageblatt” 1936.


