Hauptstraße 74,
die “Fischer-Schmiede”.
Ein Foto aus dem Jahre 1925.
Gut erkennbar auch das “Firmenschild” über dem Beschlagschuppen:
“Schmiede Max Fischer”.

Postkarte links: Die Hausnr. 74 mit der Dorfschmiede von Max Fischer und einer Linde etwa zwischen 1905 und 1920, Foto oben Ende der 1920er Jahre.

Einsiedel: Die alte Linde an der Fischerschmiede, daß älteste Wahrzeichen unseres Ortes, ist am gestrigen Montag niedergelegt worden. Der ca. 300jährige Baum war in seinem unteren Stamm derart morsch geworden, daß seine Erhaltung nicht möglich war. Jeder Heimatfreund wird es tief bedauern, daß dieser alte Kronzeuge längst vergangener Zeiten, der von dem Werdegang unseres Heimatortes bis zu seiner jetzigen Entwicklung uns so viel hätte berichten können und der das Bild unseres Ortes nicht unwesentlich verschönerte, nicht erhalten bleiben konnte.
Vom Erzgebirgsverein, der die Pflege und Erhaltung unserer Heimat auch auf seine Fahnen geschrieben hat, wird uns geschrieben:

                     Die alte Linde an der Fischerschmiede.
“Bald ist´s vorbei! Und der Erde geb´ich, der ew´gen Sonne, die Atome wieder, die sich zu Schmerz und Lust in mir gefügt!” - Drei Jahrhunderte habe ich nun über das Wohl und Wehe des Ortes gewacht. Ich kenne seine Vergangenheit genau. Menschengeschlechter kamen und vergingen. Manchem frohen Volksfest auf dem nahen Dorfplan hörte ich still zu in den vielen, vielen Jahren meines Lebens. Mit stiller Wehmut aber gedenke ich auch der schweren Zeiten meiner Jugend, als General Holks Räuberhorten(1) plündernd dieses stille Tal durchzogen, als der geschlagene Wallensteiner(2) ins Böhmerland heimwärts zog und endlich das kleine Kirchenglöcklein den Friedensschluß der Fürsten(3) verkündete. Noch klingt das “Nun danke Gott” in meinen Zweigen, das aus der kleinen Dorfkirche oben, die an der Stelle der jetzigen stand, herniederklang. Damals freilich lag neben dem alten Lehngericht, in dem jetzt Rezepte ausgefertigt werden, ein stattlicher Dorfteich und niemand ahnte es wohl, von allen denen, die zum Kirchweihfest an diesem Platz sich tummelten! Tempora mutantur!(4) Die gute alte Zeit! Wie gern sah ich den Thumer Postillion an mir vorbeifahren! Lange, lange ist´s auch schon her, als die Österreicher anno 13 zum Völkerkampf zogen(5) und den Erbfeind verdrängen halfen. Wenn ich reden könnte! Ich sah auch ihn bei mir vorübergehen, den vielbewunderten Wilddieb unserer Wälder, den Stülpner-Karl, den auf dem “Goldenen Hahn” so gern die Gäste erzählen hörten. Und dann die schreckliche Hungersnot vor reichlich 80 Jahren; in meiner Nähe steht noch ein Zeuge jener Zeit(6), versehen mit der Erinnerungstafel! Auch Preußens Söhne marschierten einstens in langen Reihen an mir vorrüber, hin zum Bruderkrieg nach Böhmen(7), und wenige Jahre später erklangen freudebringend die Glocken zur Siegesfeier von Sedan(8)! Und endlich sah ich auch sie, die Söhne des Ortes zum Weltkrieg(9) eilen, dem schrecklichsten Erlebnis meines langen Lebens. - Vorbei sind sie an mir gegangen, alle die freudigen und ernsten Ereignisse großer Zeiten, lernt aus ihnen! So bedeutet es, mein letztes Rauschen!

Hintergrundwissen zu diesem Artikel:
(1) Heinrich Graf von Holk, geb. 1599 auf der Insel Fünen, Dänemark, gest. 9. September 1633 in Troschenreuth, Vogtland, an der Pest. Kämpfte im 30jährigen Krieg erst auf protestantischer Seite und ab 1630 im kaiserlichen Dienst. Holk war ein rücksichtsloser Plünderer und wegen seiner Härte gegen die Zivilbevölkerung gefürchtet. Der im o.g. Artikel beschriebene Plünderungszug fand im Jahre 1632 statt.
(2) Albrecht Eusebius Wenzel von Wallenstein, geb. 24. September 1583 in Gut Hermanic bei Arnau, Böhmen, ermordet 25. Februar 1634 in Eger, Böhmen. Kaiserlicher Generalissimus im 30jährigen Krieg.
(3) Westfälischer Frieden vom 24. Oktober 1648 beendet den 30jährigen Krieg.
(4) Lateinisch für “Die Zeiten ändern sich”.
(5) Befreiungskriege: Völkerschlacht bei Leipzig 1813. Sieg von Preußen, Österreich und Rußland gegen Frankreich unter Napoleon I. (Sachsen kämpfte auf französischer Seite.)
(6) Die Teuerungseiche neben dem Grundstück Einsiedler Hauptstraße 89.
(7) Gemeint ist der „Deutsche Einigungskrieg“ oder auch „Deutscher Bruderkrieg“ genannt. Am 3. Juli 1866 erfolgte in einer „Jahrhundertschlacht“ in Königgrätz in Böhmen der Sieg Preußens über Österreich. Der Krieg insgesamt dauert sechs Wochen, vom 14. Juni -27. Juli 1866. Sein weltgeschichtliches Resultat ist noch heute spürbar: Die Trennung Österreichs und seiner deutschen Stämme vom Reich. Dieser Krieg leitet die Anfänge des Untergangs der Donaumonarchie Österreich-Ungarn und damit die Auflösung ganz Mittelosteuropas ein.
Das Königreich Sachsen, welches auf österreichischer Seite kämpfte, blieb im Bezug auf seine Grenzen unangetastet. Österreich aber war Ausland geworden, die Deutschen in diesem Landesteil verloren ihren Rückhalt in der Donaumonarchie. Die Germanisierung in diesem Vielvölkerstaat war seit 1866 endgültig vorbei. Österreich war ohne Deutschland nicht mehr zu halten, das Übergewicht Ungarns wurde spürbar. Mit Ende des Ersten Weltkrieges 1918 zerbrach das Staatengebilde endgültig. Österreich verkündete nunmehr der Anschluss an das Deutsche Reich, weil es sich allein für nicht lebensfähig hielt. Am 12. November 1918 proklamierte die provisorische Nationalversammlung in Wien die “Republik Deutsch-Österreich” als Teil des gesamtdeutschen Staates. Über die Notwendigkeit des Zusammenschlusses waren sich die maßgeblichen Politiker in Weimar und Wien einig. Der Anschluß wurde durch die Siegermächte des 1. Weltkrieges verhindert, mehr noch, das Sudetenland wurde der neu entstandenen Tschechoslowakei und Südtirol Italien zugeschlagen. Nicht einmal der Name „Deutsch-Österreich“ durfte geführt werden, ab 21. Oktober 1919 lautete die offizielle Bezeichnung “Republik Österreich”. Am 12. März 1938 erfolgte dann ein erzwungener Anschluss an des Deutsche Reich durch Adolf Hitler, der in Österreich und im Reich selbst breiteste Unterstützung über alle Gesellschaftsschichten hinweg fand.
Nach dem verlorenen zweiten Weltkrieg stellte 1945 der österreichische Staatsvertrag die Eigenstaatlichkeit des Landes wieder her. Österreich verpflichtete sich zu immer währender Neutralität und ist somit nach wie vor Ausland.
Rückblickend kann man heute sagen, wäre der Anschluß 1918 nicht verhindert worden, wäre uns unter Umständen das “Dritte Reich” und der 2. Weltkrieg erspart geblieben...
(8) Am 1. und 2. September 1870 Entscheidungsschlacht im Deutsch-französischen Krieg 1870-1871.
(9) Der 1. Weltkrieg, 28. Juli 1914 bis 11. November 1918.

Max Fischer (4.11.1883 bis 13.10.1958)
Oben in seiner Schmiede 1950,
rechts in einer Porträtaufnahme Mitte
der 1950er Jahre.

Das Foto zeigt uns noch einmal Schmiede und Linde in den 1920er Jahren. Obwohl im Krieg stark zerstört und in nicht ganz identischer Architektur 1946 wieder errichtet, gehen die Grundmauern, die teilweise noch heute existieren, auf das Jahr 1770 zurück.
(Foto: Thomas Schwebe)

Die Nr. 74 im Jahre 1952, rechts oben ist noch die Ruine der Kirche zu sehen. Der Kirchturm hat drei Jahre zuvor eine flache Notbedeckung erhalten, um die nach dem Kriege neu gegossenen Glocken zu schützen (1949).

Das Gebäude im Herbst 1976.

Anfang der 1980er Jahre wurde - quasi als Ersatz für die 1935 gefällte Linde - eine Buche gepflanzt.
Diese hat bis 14. Juli 2005 stattliche Ausmaße angenommen (oben) und wird auch als Schatten spendendes Plätzchen (wie hier rechts am 4. Mai 2008) gern in Anspruch genommen.
Foto rechts: Werner Scheibner)

Abbau im Dezember 1997.

Das Foto rechts (Ekkehard Mühlmann) zeigt uns den Standort der Linde recht deutlich: genau am Rand der Straße und nicht etwa auf dem Fußweg. Der Baum wurde im Jahre 1935 gefällt. Die Senke, die nach Entfernung der Wurzel blieb, überdauerte die zehn Jahre des “Dritten Reiches” und dann noch mal locker 40 Jahre DDR. Sie verschwand erst mit dem Straßenbau in den 1990er Jahren.

Zurück ins Jahr 1935, kurz nach Niederlegung des Baumes:
Dieses Wahrzeichen des Ortes war so markant, das Lokalpresse und Erzgebirgsverein einen “Nachruf” druckten, den ich hier wiedergeben möchte:

eh74_mit_linde1

Die Originalschiebetür zum Schmiederaum ist heute noch vorhanden...

...die Schmiede aber selbst gibt es seit Ende der 1950er Jahre nicht mehr. Die intensive Pferdehaltung der Besitzer heute ist aber Anlass genug, dass wenigstens 1x im Monat ein Hufbeschlag durchgeführt wird.

Die Tradition wird hochgehalten:
Festwagen beim Umzug zur “750-Jahr-Feier” in Einsiedel am 20. Juni 2004.

Die südliche Ecke der Grundstücks Hauptstraße 74 mit Blick Richtung “Plan”.
Foto um 1980.

Gründlich geändert hat sich auch diese Ansicht am 15. Juli 2004. Im Hintergrund das Mitte der 1990er Jahre neu erbaute Gebäude “Am Plan 4”. Das Trafohäuschen ist mittlerweile ordentlich verputzt worden, die beiden Linden stehen wie eh und je und der Platz für die Anschlagtafeln ist auch bissel größer geworden.

Ich möchte den Blick des Betrachters noch auf die kleine Holzhütte vor dem Trafohäuschen wenden. Die Laube (wie sie offiziell heißt) gehört zur traditionsreichen “74” und wurde etwa 1890 erbaut! Als am 5. März 1945 das Hauptgebäude bis auf die Grundmauern niederbrannte und der ganze Hof mit Phosphor übersät ein Flammenmeer war, blieb die Laube -wie von Geisterhand geschützt- vor dem Feuer bewahrt. Rundherum der Untergang eines ganzes Ortes - die Laube blieb unbehelligt.
Viele Jahrzehnte diente die Laube dann als (arg strapaziertes) Kinderspielhaus. 1997 war sie dermaßen verschlissen, dass sie abgebaut bzw. ausgegraben und bis zum Sommer 1998 mit möglichst viel Originalteilen wieder hergerichtet wurde...

Links die älteste, erhaltene Aufnahme, etwa 1910-1920, oben August 1970.

Totale Instandsetzung Winter bis Sommer 1998.

“Stapellauf”, 23. Juli 1998.

Wie es die Vorsehung wollte, kam in der Zeit, als die Laube wieder an ihren alten Platz zurückgestellt wurde, Frau Toni Weißbach (Bildmitte) einher. Sie hatte das monatelange Fehlen der Laube bemerkt und stark kritisiert, da diese viele, viele Kindheitserinnerungen barg. Natürlich war sie nun überglücklich...

Seitdem wird alljährlich wieder am Kirmeswochenende in der Laube ein ordentlicher Skat gedroschen, wie es der Urgroßvater praktizierte und heute die Tradition verlangt. Und in den Sommermonaten sieht man vielleicht auch den Verfasser dieser Seiten in der Laube sitzen und dieses Projekt voranbringen.
Sie sehen, liebe Besucher, in Einsiedel hat selbst die kleinste Hütte eine Geschichte zu erzählen...


Noch was zur Schmiede selbst...:

Einsiedler Hauptstraße 74  
vormals "Schmiede Max Fischer"