


















Die Zeiten der Aufmärsche sind wohl erst mal vorbei. Erholen kann man sich im Walter-Wieland-Hain noch heute.
Auch wenn der Springbrummen wieder entfernt wurde und die meist jugendlichen Nutzer des Abends das Gelände oft nicht so verlassen, wie das wünschenswert wäre...
Gemäß Polizeiordnung der Stadt Chemnitz zählt der Walter-Wieland-Hain heute zu den städtischen “Grün- und Erholungsanlagen”, Hunde sind an der Leine zu führen.
Dieser Artikel befasst sich mit dem Grundstück “Einsiedler Neue Straße 7” und der in früheren Zeiten dahinter liegenden “Ida-Wiese”.
Die Straße selbst und ebenso der “August-Bebel-Platz” waren auch erst 1925/26 gebaut worden, so dass erst seit dieser Zeit Häuser in diesem Ortsteil errichtet werden konnten.
Etwa um 1930 wurde das Gebäude der damaligen Reichsstraße in der Nr. 7 fertiggestellt: die Bäckerei Max Hertel.
Links oben sehen wir das Gebäude am rechten Bildrand, der Rundbau am Bebelplatz (“Schockenbau”) ist noch nicht errichtet, an dieser Stelle steht der Fotograf. Oben die Stelle am 14. Januar 2006.
Links das Gebäude von der unteren Brücke aus gesehen. Im Vordergrund das Schmidt-Gut Reichsstraße 1.
Unmittelbar am Grundstück angrenzend und bis zu den Schienen reichend befand sich die “Ida-Wiese”. Bei Ingobert Rost im “Einsiedler Anzeiger” lesen wir, dass der Name vermutlich von einer Selma Ida Bauer stammt, die später nach Dittersdorf heiratete.
Wie dem auch sei, Fakt war, dass das Höhenniveau der Ida-Wiese unter dem der Reichsstraße lag. Im Dritten Reiche kam dem Grundstück eine größere Bedeutung zu. Nach dem der “Plan” als Aufmarschplatz für politische Kundgebungen der NSDAP mit ihren vielen Gliederungen hergerichtet war (Bau des Plateaus an der Nordseite), wurde eine neue Stelle für die jährlich Kirmes gesucht und mit der Ida-Wiese gefunden. Nicht nur die Kirmes gastierte hier, auch ein Wander-Circus erfreute die Einsiedler und sorgte offensichtlich für großes Interesse.
Vorne links Grundstück und Zaun der Bäckerei Hertel.
(Foto: Christine Franke)

Die Bäckerei trug durch den Bombenterror am 5. März 1945 dermaßen hohe Schäden davon, dass das Gebäude nicht wieder errichtet wurde, die Ruinenreste wurden abgetragen.
Unmittelbar nach Kriegsende, noch im Mai 1945, ließ die Gemeinde zwei Barracken in der Maschinenfabrik an der Wiesenstraße abbauen. In diesen waren während des Krieges Zwangsarbeiter untergebracht. Die Baufirma Seifert stellte diese Barracken nun auf der Ida-Wiese neu auf, um der Wohnungsnot wenigstens im Ansatz begegnen zu können. Nicht nur ausgebombte Einsiedler fanden darin Unterkunft. Es trafen auch Flüchtlinge und später Vertriebene aus den “unter polnischer oder sowjetischer Verwaltung” stehenden Gebieten hier ein. Ebenso wurden ehemalige Einsiedler Nazis, die noch eine Wohnung besaßen, da ausquartiert und in die Barracken verlegt. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal, es gab keine Toiletten, nicht einmal Wasseranschlüsse.
Auf dieser Postkarte aus dem Jahre 1946 erkennen wir die Baracken am linken Bildrand, sie wurden wegen der benannten hygienischen Probleme spätestens 1948 wieder abgetragen. Alsbald wurde damit begonnen, die Ida-Wiese aufzuschütten, d.h. an das Straßenniveau der nun “Neue Straße” benannten Trasse anzugleichen. Der Grund für diese Maßnahme war der in ungeheuren Massen anfallende Trümmerschutt, aus dem vorher freilich die Ziegel und anderes Brauchbares entfernt worden war. Als erstes wurden im Ort die Mühlgräben zugeschüttet, waren sie doch ein Relikt aus einer Zeit ohne elektrischen Strom und schon lange vor dem Krieg Zeugen einer längst vergangenen Ära. Auf der Ida-Wiese wurde durch die Einsiedler Antifa-Jugend hauptsächlich Bauschutt aus der Ruine der alten Schule untergebracht. Später wurde alles planiert und 1950 ein kleines Parkgelände geschaffen. Gleich vorn am Eingang war eine Gedenktafel aufgestellt: “Walter Wieland”.
Walter Patsch, genannt Wieland, wurde am 15. Juni 1887 in Einsiedel geboren. Hier besuchte er die Volksschule und erlernte den Beruf eines Werkzeugschlossers. Seit 1910 SPD-Mitglied, interessierte er sich nach und nach mehr für das Parteiprogramm und die Ziele der KPD. Am 22. Februar 1919 gründete er die Ortsgruppe Einsiedel der KPD und war sechs Jahre lang deren politischer Leiter. Von 1922 bis 28 war er im Einsiedler Gemeinderat. 1933 brachen für derartige politische Ansichten denkbar schlechte Zeiten an und Wieland engagierte sich am aktiven Widerstand. Am 15. September 1935 wurde er verhaftet und bis März 1936 im KZ Sachsenburg eingesperrt. Bereits einen Monat später kam er erneut in Untersuchungshaft. Im Prozess gegen “Franke und Genossen” wurde er im Januar 1937 zu einem Jahr und acht Monaten Gefängnis verurteilt. (Bei “Franke” handelte es sich um Kurt Franke, nach dem in Einsiedel eine Straße benannt wurde.)
Erneute Verhaftung Ende März 1945 und Transport nach Freiberg, wo er Anfang Mai 1945 von der “Roten Armee” befreit wurde. Erst 62 Jahre alt, erkrankte er schwer und verstarb am 21. Juli 1949.
Vorne, am Eingang des kleines Parks, stellte man später ein Wartehäuschen für den Bus auf. Dieser kleine Unterstand war das erste NAW-Projekt in Einsiedel.
Den kleinen Park allerdings vergaß man im Laufe der Zeit, alles verkümmerte und die Gedenktafel war alsbald völlig zugewuchert.
Aber freilich hatte die DDR auch wieder mal einen runden Geburtstag, dazumal stets ein Grund, dass sich Gemeinde, örtliche Parteileitung und Privatpersonen zusammenfanden, um aus diesen Anlass etwas zu verschönern oder gar neu zu errichten.
Diesmal war es der 20. Geburtstag 1969, der da für Aufwind in Sachen “Walter-Wieland-Hain” sorgte.
Man nahm noch das Grundstück der ehemaligen Bäckerei Hertel dazu, deren Ruine längst abgetragen war. Hier hatte später ein Georg Krumbiegel einen Verkehrsgarten errichtet. Nach dessen Ableben wurde aber auch diese Fläche nicht mehr in Ordnung gehalten und man vergrößerte die Parkfläche entsprechend. Vieles wurde neu angelegt, von den Wegen über die Bepflanzung bis zum Springbrunnen. Liguster ersetzte den Lattenzaun und am Abend leuchteten Laternen das Gelände aus. Später wurde der Walter-Wieland-Hain, ebenso wie “Ewige Mahner” gegenüber auf dem Bebelplatz, für Gedenk- und Propagandaaufmärsche genutzt.
Abschließend noch zwei Fotovergleiche, vom Schulturm aus fotografiert:
Oben 1936,
unten 16. September 2006.
August-Bebel-Platz und
Walter-Wieland-Hain Anfang der 1990er Jahre und
am 17. August 2005.
