Die hieß auch schon:
Von ? bis 1996 : Waldstraße
Mit der Eingemeindung nach Chemnitz (1. Januar 1997) wurde sie in “Niederwaldstraße” umbenannt, da eine “Waldstraße” in Chemnitz bereits existierte und keine Straßen mit identischer Bezeichnung in einer Kommune bestehen dürfen.
Der Name bezieht sich auf die Lage der Straße am “Niederwald”, jenem Waldstück, welches am Ortseingang zwischen den Fluren Einsiedel und Erfenschlag liegt. Somit ist die derzeitige Bezeichnung auf alle Fälle korrekter.
In unserer heutigen Zeit bringen wir mit Gebäuden an der Niederwaldstraße in allererster Linie das “Einsiedler Gymnasium” in Verbindung.
Wir wollen aber unsere Exkursion in die Vergangenheit bei einem anderen Gebäudekomplex beginnen, dessen vielfältige Nutzung von etwa 1821/22 bis in die Jetztzeit andauert...(und auf dessen Gelände heute auch das Gymnasium steht)

In den Jahren 1821/22 errichtete Christian Gottlob Eismann auf dem hier behandelten Grundstück durch Neubau eine Bauwollspinnerei. Der Holzstich zeigt uns den Zustand etwa um 1840.
Dieses gesamte Gelände kaufte 1872/73 ein sogenanntes “Comitè”. Bereits 1868 verkaufte der damalige Lehnrichter Karl Funk (nach ihm wurde die “Funkstraße” benannt) sein daneben liegendes Grundstück. Darauf befanden sich mehrere Quellen, die ein vorzügliches Wasser lieferten. Dieses eisenfreie, chemisch reine Wasser eignete sich hervorragend für die Herstellung verschiedenster Papiersorten.
Am 19. Mai 1871 gründeten sechs Aktionäre dann eine Papierfabrik. Diese “Actiengesellschaft” gab 3.000 Aktien zu je 100 Talern heraus, das waren
2.400.000 Mark.
Die Aktionäre nutzten die Gunst der Stunde - soeben hatten sich durch Bismarcks weise Politik 25 deutsche Einzelstaaten zum “Deutschen Reich” zusammengeschlossen. Was nun kam, ging in die Geschichte als die sogenannte Gründerzeit ein.
(Foto: Thomas Schwebe)
Hintergrundwissen Gründerzeit:
Wir bezeichneten heute damit den Zeitabschnitt von 1871 bis etwa 1914. Es war in der Gesamtheit betrachtet eine wirtschaftliche Blütezeit in Deutschland.
Durch den verlorenen Krieg 1870/71 wurde Frankreich gezwungen, 4 Mrd. Mark Kontributionen an Deutschland zu zahlen. Dieses Geld, geschickt eingesetzt, half den Vorsprung zu anderen europäischen Nationen auf dem Gebiete der Industrialisierung aufzuholen. Somit ist der Beginn der Gründerzeit klar definiert, ihr Ende ist eher fließend und steht mit dem ersten Weltkrieg in engem Zusammenhang.
Auch lief dieser Zeitraum nicht problemlos und stets „boomend“ ab, ganz im Gegenteil. Bereits 1873 gab es den großen Gründerkrach. Die übervollen Lager und der gnadenlose Konkurrenzkampf ließen die Gewinne sinken...und wie kann es anders sein, die Aktienkurse rutschten mit ab. Die Produktion ging zurück, es kam zu umfangreichen Entlassungen und Lohnkürzungen, die Wirtschaft steckte in der Krise. Offenbarungseide, Selbstmorde und Familientragödien häuften sich.
In der nun folgenden Gründerkrise von 1873 bis 1876 gingen im Deutschen Reich 61 Banken, vier Eisenbahngesellschaften und über 100 Industrieunternehmen in Konkurs.
Der Staat griff wieder mehr in die Wirtschaftsabläufe ein. Nicht nur Deutschland, auch andere europäische Industrienationen, führten Schutzzölle auf ausländische Importe ein, um den eigenen Markt zu schützen. Mit dieser Abkehr vom Freihandel verabschiedete man sich vom Wirtschaftsliberalismus. Auch wurde das Preisniveau im Deutschen Reich durch die Zölle künstlich über dem des Weltmarktniveaus gehalten.
Man kann allerdings bei dieser Wirtschaftskrise nur von einer Stagnation und keiner Depression sprechen, da in dieser Zeit nur die in den vorhergehenden Jahren überhöhten Wachstumsraten ausgeglichen wurden.
Ab 1879 entwickelte sich die deutsche Wirtschaft gemessen an der Wertschöpfung in Industrie und Handwerk, am Kapitalstock und dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum wieder positiv.







Im angelegten Mühlgraben leistete das Wasser der Zwönitz 33 PS für den Antrieb der Turbine, weiterhin sorgten zwei Dampfmaschinen für ausreichend Kraft. Man schrieb das Jahr 1872, die Wirtschaft boomte, und so beschloss man am 30. Juni, eine Gasanstalt zu bauen, um die Produktion ständig am Laufen halten zu können.
Die Fabrik fertigte Papiere von verschiedenster Güte, wie die nachstehende Werbeofferte aus dem Jahr 1905 zeigt:
Um ständig einen gleichmäßigen Vorrat an Wasserkraft zu haben, baute man einen großen Teich als eine Art Puffer ein, um jahreszeit-unabhängiger produzieren zu können. Das Foto zeigt uns den heute noch (allerdings in erbärmlichen Zustand) vorhandenen Teich. Neben diesem Teich gab es innerhalb der Fabrik noch ein großes Bassin, welches angelegt wurde, um das sogenannte “Röhrwasser” zu sammeln. Das war nichts anderes als Wasser, welches aus in den Berg getriebenen Röhren hervortrat. Diese Röhren befanden sich auf der Seite, von welcher aus das unten stehende Foto aufgenommen wurde.
Der Zufluss war reichlich dimensioniert, pro Stunde konnten über 160 m³ Wasser entnommen werden.
(Fotos: Thomas Schwebe)
Diese Postkarte lief am 3. März 1905, im gleichen Jahre lag die Zahl der beschäftigten Arbeiter bei 250.
Um 1900 herum betrug die Jahresproduktion etwa 3.000 Tonnen Papier. Einen Rückschlag mußte die Fabrik im Jahre 1902 einstecken, ein Kurzschluss löste einen Großbrand aus, dem wertvolle Papiermaschinen zum Opfer fielen.
Hier sei angemerkt, dass das Unternehmen eine eigene Fabrikfeuerwehr unterhielt, welche den Brand in Zusammenarbeit mit freiwilliger- und Pflichtfeuerwehr löschte.

Die nebenstehende Karte lief am 29. Januar 1929. Es war die Zeit der Weltwirtschaftskrise und die Einsiedler Papierfabrik (wie auch die anderen Einsiedler Firmen) bekam diese voll zu spüren. Nach fast 60 Jahren ununterbrochener Produktion zeichnete sich nun das Ende ab. Ein drastischer Einbruch bei den Aufträgen ließ den Vorstand am 30. September 1930 die Produktion einstellen. Die beabsichtigte Liquidation der Fabrik wurde trotz Interventionen der Gemeinde Einsiedel und des Fabrikarbeiterverbandes (eine Art Gewerkschaft) durchgeführt. Fast 400 Männer und Frauen verloren ihren Arbeitsplatz.
In den Jahren 1910/11 wurde die maschinelle Einrichtung einer kompletten Rekonstruktion unterzogen und eine Klärablage modernster Art filterte von nun an die Abwässer.
Hintergrundwissen Weltwirtschaftskrise:
Diese die meisten Welthandelsstaaten berührende Wirtschaftskrise dauerte von 1929 bis 1933. Alles begann mit dem Zusammenbruch der Hausse-Spekulation an den Effektenbörsen in den USA. Ihre Ursachen sind besonders in der Umbildung der weltwirtschaftlichen Beziehungen nach dem 1. Weltkrieg zu suchen. Die Verknappung der Deckungsmittel durch das Horten von Gold in den USA führte zur Erschütterung vieler Währungen. Die Krise brachte heftige Preisstürze und führte in der Folge zu sehr zahlreichen Bankrotten und letztlich zu einer anhaltenden Schrumpfung der weltwirtschaftlichen Beziehungen.
Gebäude und Grundstück wurden an die Allgemeine Deutsche Kreditanstalt übertragen. Die auf der undatierten Karte oben abgebildete Esse wurde am 18. Mai 1939 gesprengt. Maschinen und Einrichtungen wurde zum Teil verkauft, z.B. erwarb die Gemeinde Gersdorf für ihre Feuerwehr 1932 eine Motorspritze mit kompletten Zubehör von der aufgelösten Fabrikfeuerwehr.
Hier endet nun vorerst diese Publikation über die Papierfabrik. Wie es danach weiterging, ist eine andere Geschichte. Sie wird aber selbstredend zu gegebener Zeit weitergeführt. Abonnenten des Rundschreibens werden persönlich informiert, alle anderen bitte ich, bei Interesse einfach immer mal wieder reinzuschauen.
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