Etablissement “Waldesrauschen” (oder Mythos?)

Mit Ausnahme von Kirche und Talsperre ist wohl kein Einsiedler Gebäude so häufig auf alten Fotografien und Postkarten wiederzufinden wie das Restaurant “Waldesrauschen”.

Nebenstehend nun das bekannteste bzw. das wohl am meisten verbreitete Motiv.

Das “Waldesrauschen” wurde im Jahre 1908 erbaut. Initiator war der Einsiedler “Verein zu Hebung des Fremdenverkehrs” und hier speziell dessen Vorsitzender, der Strumpffabrikant Richard Nitzsche. Ihm gelang es, weitere Einsiedler Unternehmer für das Vorhaben zu gewinnen. Otto Schwarz (Gärtner), Anton Herrmann (Bauunternehmer), Bernhard Golz (Trichinenbeschauer), Guido Riedel (Fabrik patentierter Neuheiten) und der Einsiedler Gemeindevorstand Hugo Max Seidel gründeten am 14. November 1907 die „Gesellschaft zur Erbauung eines Ausflugsrestaurants“ und wurden zeitgleich deren Aufsichtsratsmitglieder. Der Kostenvoranschlag wies Baukosten in Höhe von 71.000 Mark aus. Man gab Anteilscheine in Höhe von 200 Mark aus, was bereits Einnahmen von 21.500 Mark brachte. Hierzu muss bemerkt werden, dass 200 Mark im Jahre 1908 eine große Menge Geld waren, ein mittlerer Beamter im Königreich Sachsen verdient keine 1.000 Mark im Jahr. Der Grundsteinlegung am Mittwoch, den 6. Mai 1908, waren schwierige Verhandlungen mit diversen Behörden vorausgegangen, es war also keineswegs anders als heute.
Den Zuschlag zur Errichtung des „Waldesrauschen“ erhielt der bedeutendste Einsiedler Baubetrieb, die Firma Magnus Maximilian Seifert. Fast unglaublich, gelang es doch dieser, das Gebäude innerhalb weniger Monate zu errichten. Die Eröffnungsfeierlichkeiten fanden zur Kirmes 1908 statt. Wenn wir nun davon ausgehen, das damals wie heute am dritten September-Wochenende in Einsiedel Kirmes gefeiert wurde, war das wahrscheinlich am Samstag, dem 19. September 1908. Reichlich vier Monate Bauzeit – unglaublich! Mit ähnlich hoher Geschwindigkeit wurden dann auf dem (auch heute noch) 22.000 m² großen Grundstück die Außenanlagen fertig gestellt, alle dem Zweck des Fremdenverkehrs unterworfen. Ein Kleintennisfeld, ein Fußballplatz, ein Park und ein Spielplatz für Kinder sorgten dafür, dass man die im Gasthaus reichlich zu sich genommenen Kalorien wenigstens moralisch wieder los wurde. Eine besondere Attraktion war die (Winter-)Rodelbahn, doch dazu siehe den weiterführenden Artikel auf der “Anton-Herrmann-Straße”.
Im Nachhinein lässt sich sagen, dass die anvisierten Zielgruppen, vor allem Tages- und Wochenendausflügler aus Chemnitz sowie Vereine, die Angebote und Veranstaltungen (Tanz, Tagungen, Vereinsfeiern usw.) sehr gut annahmen. Zum Zwecke des Fremdenverkehr gab es natürlich ständig allerhand Reklame, speziell Ansichtskarten wurden in einer ungeahnten Anzahl aufgelegt.
Nachfolgend noch einige Motive, die mir als Seitenbetreuer hier vorliegen und welche die Vielfalt der verschiedenen Abbildungen verdeutlichen:

Ansichtskarten mit oder ohne Text. Bildunterschrift linkes Foto:
“Einsiedel, Bezirk Chemnitz. Idyllisch im reizvollen Zwönitztale gelegene Landgemeinde von 6100 Einwohnern, 345-385 m über dem Meere. Herrliche waldreiche Gegend, Sommerfrische. Beliebter Ausflugsort der Großstadt Chemnitz.”

Zwei Postkarten, die das Gebäude mit Beflaggung zeigen. Links von 1913, Flagge “Schwarz-Weiß-Rot”, rechts zwischen 1919 und 1932, Flagge “Schwarz-Rot-Gold”.

Eine Lithographie aus dem Jahre 1910 zeigt uns den vorgelagerten Biergarten. Die Bäume werden erst ein paar Jahre später Schatten spenden...
Bei der abgebildeten Person handelt es sich um Max Zickmantel.

Eine Luftbildaufnahme Ende der 1920er/Anfang der 1930er Jahre, freundlicherweise von Herrn Jürgen Fritzsche zur Verfügung gestellt. Der genaue Standort läßt sich dadurch gut lokalisieren.
Und wer nun glaubt, dieses Motiv ist mit der Luftbildaufnahme auf der Startseite identisch, der sollte sich beide Fotos noch mal in Ruhe ansehen...

Bis der letzte Eigentümer –die Familie Hermann Zopf- das Grundstück 1925 übernahm, waren einige Besitzerwechsel vorausgegangen.
Ein Heinrich Max Träuptmann wurde der erste Pächter. Die Eigentümergesellschaft verkaufte 1913 das „Waldesrauschen“ an eine Familie Flechsig, diese dann 1920 an einen Kaufmann Dietz. Während der Inflationsjahre wechselte das Haus 1923 erneut den Besitzer, ein Leo Liegler hatte es für 4.800 US-Dollar erstanden, da zu diesen Zeitpunkt mit „Mark“ auch nichts mehr zu bezahlen war...

Wie erwähnt, führte die Familie Hermann Zopf das Restaurant ab 1925 erfolgreich.
Zwei 4-fach-Ansichten aus dieser Zeit, links von 1926, unten von 1928.

Die große Freitreppe zwischen Veranda und “Biergarten”.
(Foto: Thomas Schwebe)

Der zweite Weltkrieg brachte eine Änderung. Der Gaststättenbetrieb kam zum Erliegen und im Waldesrauschen wurde das „Umsiedlerlager Nr. 62“ etabliert, um für die Volksdeutschen aus den eroberten Gebieten im Osten eine erste Auffangstadion zu bilden, so dass sie später ganz regulär untergebracht werden konnten (Derartige Aktionen wurden propagandiert unter dem Slogan: „Heim ins Reich“). Der Staat kam für die Unterbringung und Verpflegung der Volksdeutschen auf.

Hintergrundwissen Volksdeutsche:
Als Volksdeutsche bezeichnet man jene deutschen Volksgruppen, die bis 1937 außerhalb des Deutsches Reiches, Österreichs, des Großherzogtums Luxemburg, der Schweizerischen Eidgenossenschaft oder des Fürstentums Liechtenstein lebten. Weiterhin zählten dazu die deutschsprachigen Minderheiten, die nach dem 1. Weltkrieg Bürger eines fremden Staates wurden (Deutsche in Westpreußen, Lothringen, Elsass, Südtirol, Eupen-Malmedy...). Der Löwenanteil der Volksdeutschen aber lebte in den Weiten der Sowjetunion, die so genannten Russlanddeutschen. Sie stammten von einstigen deutschen Auswanderern ab und hatten über Jahrhunderte in ihren Siedlungsgebieten ihre deutsche Identität bewahrt.
Heute sind diese Siedlungsgebiete (fast) Geschichte:
Zum einen wegen der oben beschriebenen Einbürgerungswelle „Heim ins Reich“ (in den Jahren 1940 bis 41 waren das etwa 910.000 Volksdeutsche), zum anderen brachte die Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg viele in das heutige Bundesgebiet und nach Österreich.
Die wenigen in ihrer Geburtsregion verbliebenen Volksdeutschen fühlen sich bis heute der Deutschen Kulturnation angehörig.
Volksdeutsche sind nicht zu verwechseln mit den Auslandsdeutschen. Auslandsdeutsche sind jene Deutschen, die zwar ständig im Ausland ihren Wohnsitz gewählt haben, die aber - im Gegensatz zu den Deutschstämmigen - die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen.

Die flächenmäßig größte Zerstörung erfuhr der Gesellschaftssaal, er wurde aber innerhalb eines Jahres fast völlig wieder instand gesetzt. Zwei Innenansichten als Lithografie und Fotopostkarte.
(Vorlage Lithografie: Ulrich Piqué)

Beim Abriss der Brandruine 1958 wurde die Kapsel mit der Grundsteinurkunde wiedergefunden und von den Bauarbeitern der Gemeindeverwaltung übergeben. Noch brauchbares Baumaterial wurde selektiert und fand im Neubau „Waldklause“ Verwendung. 1994, als in der Klause Sanierungen stattfanden, tauchten in einer Zwischendecke angekohlte Bretter aus dem Waldesrauschen wieder auf...und da liegen sie noch heute.

Es ist natürlich schwierig, etwas im Vergleich “Gestern-Heute” darzustellen, was es heute nicht mehr gibt. Ich will es trotzdem versuchen...

Foto einer Ausflugsgesellschaft Pfingsten 1929.
(Foto: Lutz Schüppel)

Ungefähr (!) die gleiche Stelle am 20. August 2004. Die Aussicht ist heute, weit über 70 Jahre später, durch starken Bewuchs eingeschränkt. Vor allem erreicht man nicht mehr die Höhe über Boden, ein Nachteil, den der Fotograf der linken Abbildung nicht hatte.

20. August 2004, Fotos von links nach rechts: Ehemaliger Standort aus nördlicher Richtung, aus südlicher Richtung und “innen”. Kaum noch vorstellbar, das hier einmal das “Waldesrauschen” gestanden hat. Aber dem aufmerksamen Betrachter eröffnen sich Zeugen der damaligen Zeit:

Terrassen- bzw. plateauartige Aufschüttung des Bodens und “In Reihe” gepflanzte Bäume.

Schacht und Abwasserrohr direkt am ehemaligen Standort.

Der Name “Waldesrauschen” wird heute durch die gleichnamige Schrebergarten-Kolonie und deren Gartenheim fortgeführt. Die räumliche Nähe zum ehemaligen Standort des Etablissement ist allerdings die einzige Verbindung.
Der hier auf dem Foto mittig zur Anton-Herrmann-Straße führende Weg ist der

Links:
Parkplatz um 1927.
Rechts:
Innenansichten, die Karte lief 1942 als Feldpost.

Werbeanzeige aus dem Chemnitzer Tagesblatt vom Oktober 1936.
“Jeden Mittwoch und Sonntag vornehme Tanzabende...”. Und wer sich mal an so einen “Tanzsonntag” zurück versetzen lassen will, der clicke auf die Kapelle über der Werbeanzeige und höre sich an, was die von Hermann Zopf verpflichtete Kapelle so Ende der 1920er Jahre spielt.

In November 1946 brannte das weit über Einsiedel hinaus bekannte Ausflugslokal schließlich komplett ab. Fehlende Hydranten in Brandnähe nahmen der Feuerwehr jedwede Möglichkeit zur Brandbekämpfung.
Gerüchte, es habe sich um Brandstiftung gehandelt, halten sich hartnäckig, sind aber nicht erwiesen...
(Fotos: Ingobert Rost)


Den Bombenangriff am 5. März 1945 hat das „Waldesrauschen“ teilbeschadet überstanden.
(Foto: Bernd Obermaier)

Etablissement Waldesrauschen