Die Maschinenfabrik “Ernst Boeßneck”...
Ernst Boeßneck gründete seine Fabrik am 1. April 1880, welche sich auf die Herstellung sogenannter Cottonmaschinen für die Strumpfwirkerei spezialisiert hatte. Man arbeitete nach einem Patent des Geschäftsführers der Fabrik, Paul Lieberknecht, wonach Fuß und Längen in einem Arbeitsgang gewirkt werden konnten. Dieses revolutionäre Verfahren durften nur drei Firmen anwenden: Boeßneck in Einsiedel, Lieberknecht selbst, (er besaß bis 1945 noch eine eigene Fabrik in Oberlungwitz) und die Firma “Schubert & Salzer” in Chemnitz. Man entwickelte und produzierte also die gleichen Maschinen.
Im Laufe der Jahre wurde die Fertigung um sogenannte “Standard-Maschinen” für die Produktion von Kindersöckchen erweitert, im Zuge dessen wurden dann auch noch Rundrändermaschinen gefertigt.
In Einsiedel allein wurden etwa 900 Maschinen bis 1925 produziert.
Die Fotopostkarte zeigt die Fabrik in ihrem Zustand nach 1908. Man lasse sich nicht durch den
Kartenaufdruck “...Papierfabrik” stören, diese ist lediglich noch durch den rauchenden Schornstein in der Bildmitte hinten erkennbar.
(Vorlage: Andreas Wildfeuer)

Etwa 1910. Ernst Boeßneck (oder dessen Sohn Karl, unklar) zeigt uns hier eines der ersten Einsiedler Autos. Dabei handelte es sich um einem Bausatz, der mit tatkräftiger Hilfe des Schlossers Fritz Neubauer (hinten) zusammengesetzt worden war. Neubauer war bei Boeßneck angestellt. Das Foto wurde am auch heute noch existierenden oberen Werktor aufgenommen.
(Foto: Heinz Mütze)
Links die Fabrik im Jahre 1936. Bereits ab 1933 wurde die Produktion sukzessive auf Rüstungsgüter umgestellt, der Prozess forcierte sich mit Ausbruch und Dauer des 2. Weltkrieges.
Nicht erwiesene Gerüchte sprechen von Teilen für die Flugkörper V1 und V2 . Fest steht allerdings, dass Einschubrohre für Torpedos hergestellt wurden, ebenso Kartuschen und Flugzeugteile für das Jagdflugzeug Messerschmitt Bf 109 (oft fälschlicherweise als Me 109 bezeichnet).
Während des Krieges kompensierten um die 200 Fremdarbeiter die Arbeitskraft der zur Wehrmacht eingezogenen, regulären Arbeiter. Diese Fremdarbeiter waren keine Kriegsgefangen, sondern oftmals Freiwillige und hatten gewisse Freiheiten, wenn auch in bescheidenem Maße. Sie wohnten in einem Barackenlager hinter dem Fabrikgebäude. Diese Barracken boten keinerlei Schutz bei Bombenangriffen und so wurde es den Fremdarbeitern ermöglicht, dass diese sich im Felshang gegenüber einen alten Stolleneingang ausbauten. Wenige Meter nur war der Stollen tief. Er erhielt beim Angriff am 5. März 1945 einen Volltreffer, drei Tschechen aus dem Protektorat Böhmen & Mähren kamen ums Leben, es gab reichlich Verletzte. Die Fabrik, die beim ersten Angriff am 14. Februar 1945 beschädigt worden war, wurde nun am 5. März 1945 zu großen Teilen zerstört.
Hintergrundwissen V1/V2:
Das „V“ steht in beiden Fällen für „Vergeltungswaffe“, ein häufig gebrauchter Propagandabegriff, der sich als Bezeichnung für beide Waffen im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt hat.
Die V1, richtiger (Tarn-)Name FZG-76 ( für: Flakzielgerät), war der erste Marschflugkörper der Welt. Sie wurde in Deutschland entwickelt und von Juni 1944 bis März 1945 als Kriegswaffe eingesetzt. Sie war keine Rakete, sondern startete von einer Startrampe aus, später wurde sie auch von Flugzeugen aus eingesetzt. Es war möglich, die V1 mit Flak oder durch (schnellere) Jagdflugzeuge abzuschießen.
Die V2, richtiger Name A4 (für: Aggregat 4), wurde ebenfalls in Deutschland entwickelt und war die erste funktionierende Großrakete. Sie war als Artillerie-Rakete großer Reichweite konzipiert und hatte einen Einsatzzeitraum vom 6. September 1944 bis 27. März 1945. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von ca. 5.500 km/h gab es keine Abwehrmöglichkeit gegen die Rakete. Hauptziele beider Flugkörper waren Antwerpen und London.
Etwa 100 Beuteraketen für die USA und zahlreiche zwangsrekrutierte deutsche Wissenschaftler und die Reste der Raketentechnik für die Sowjetunion bildeten in beiden Ländern Grundstock und Basis für die späteren, erfolgreichen Weltraumprogramme.

1907 erwarb Boeßneck das heutige Betriebsgelände, auf dem er die noch heute bestehende neue Fabrik errichten ließ. Sie wurde im Sommer 1908 fertiggestellt und das alte Gebäude in Höhe des heutigen Stellwerks abgerissen.
Links oben die Fabrik auf einer Postkarte vom 13. August 1925, rechts oben auf einer Fotopostkarte aus dem Jahre 1935.
Deutlich sehen wir den mittlerweile installierten Fahrstuhlschacht zwischen Hauptgebäude und Nebenflügel sowie den Erweiterungsbau rechts.
Der gleiche Ausblick (links) am 5. Juni 2005 zeigt uns, dass Nadelgehölze in Einsiedel ganz ausgezeichnet gedeihen. Lediglich die Schornsteinspitze der Fabrik ist noch auszumachen.
Als am 30. August 1945 die Rote Armee das Werk besetzte, begann unverzüglich eine umfangreiche Demontagetätigkeit, die bis 1946 dauerte (Reparation). Aus Restteilen gelang es 11 Arbeitern, einige Produktionsmaschinen wieder gangbar zu machen, so dass es vorerst möglich wurde, Ersatzteile für die Cottonmaschinen aus der Vorkriegszeit zu fertigen, ab 1949 konnten dann die Maschinen selbst wieder hergestellt werden. 1946 wuchs die Belegschaft auf 19, auch fertigte hier der Baumeister Seifert in einigen Räumen Formsteine für sein Baugeschäft, die nicht nur im zerstörten Einsiedel dringend benötigt wurden. Ebenfalls bis 1945 leitete der zweite Gesellschafter Curt Scheller den Betrieb, übergab aber dann die “Geschäftsführung” respektive Demontage-Leitung einem Herrn (Vorname?) Reuchel, da ihm selbst das Betreten des Betriebes von den Russen verboten wurde. Scheller erkannte die Zeichen der Zeit und setzte sich im Mai 1946 in die amerikanische Besatzungszone ab. Freilich nicht, ohne wichtige Konstruktionspläne und dergleichen mitgehen zu lassen und mit einigen Spezialisten im Schlepptau. Auch Reuchel ging später in den Westen.
Im Laufe der nun kommenden Planwirtschafts-Zeit sollten noch einige Direktoren die Firma leiten, hier eine chronologische Aufzählung: Nach Reuchel folgte dann (Genosse) Arthur Dietz aus Eibenberg, dann führte kommissarisch Joachim Müller (Einsiedel), dann Paul Riedel (Limbach-Oberfrohna), dann Wolfgang Schubert (Leipzig), später Hans Keilitz (ebenfalls Leipzig). Letzter Direktor bis zur Wende war dann der Einsiedler Reinhard Köhler.
Zurück ins Jahr 1955. Es erfolgte eine Umstellung der Produktion auf Komponenten für Buchbindereimaschinen, da patentrechtliche Auseinandersetzungen die Herstellung von Cottonmaschinen nicht mehr zu ließen.
Die nun nachfolgenden Fotos wurden alle am 5. Juni 2005 aufgenommen und zeigen uns den Zustand der Fabrik zu diesem Zeitpunkt und erläutern die bis zur Wende im jeweiligen Gebäudeteil untergebrachten Abteilungen:


In der oberen Etage des Backsteinbaus saß die Verwaltung, unten war die “Mechanische Abteilung”. Der weiße Anbau links neben der Laterne ist eine 1997/98 errichtete Montagehalle.
Die der Zwönitz zugewandte Seite. Vorne der (zugemauerte) Eingang der Verwaltung, danach die “Mechanische Abteilung”.
Hinteres Gebäude: Farbspritzerei, Lager Tischlerei. Das kleine Gebäude ganz am Ende war das Kesselhaus.
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Der kleine Anbau unter der gelben Blende war die Brüniererei. Großer Anbau: links Toiletten, rechts oben die Garderobe der Montageabteilung, darunter das Küchenleiterbüro, Lager Küche und Kühlzelle, ganz unten der Kompressorraum. Rechts der verputzte Fahrstuhlschacht.
Der Fuhrpark: Die große Garage diente zur Unterstellung des LKW und der Maschinenverladung. Über den Toren war das Holzlager und rechts die Absägerei, wo hauptsächlich Metall auf Länge gekürzt wurde. Hinter dem Schornstein oben Küche und Speisesaal.


Das Bild täuscht nicht, der Schornstein ist schief. Gekehrt wurde er von innen, d.h. der Schornsteinfeger kletterte innen langsam herauf und reinigte bis nach oben und kletterte außen wieder herunter.
Die Reste des Tunnel, durch den Ernst Boeßneck die Gleise unterquerte, um zwischen Fabrik und Wohnhaus oben im ”Eibischbusch” zu pendeln. In dieser Villa lebte er nach seinem Rückzug aus dem Geschäftsleben 1922 als Privatier bis zu seinem Tode 1941.

Der ganze Rest...:
Die Firma “EST” ist eingemietet und die “Maschinenfabrik Einsiedel GmbH” kann man als so etwas wie den Nachfolger des ehemaligen DDR-Betriebes bezeichnen.

Der Bau der “Boeßneck-Brücke” um 1925. Ständige Wegerechtsstreitigkeiten mit der Kohlen- und Getreidehandlung Langer am Bahnhof machten den Bau der Brücke im Auftrag der Maschinenfabrik nötig.
Die Brücke führte von der Hauptstraße, schräg gegenüber Hausnr. 45 (heute Konditorei Fiedler) direkt über die Zwönitz ins Werkgelände. Bis Anfang der 1970er Jahre konnte sie noch mit LKW befahren werden, später ließ die Tragfähigkeit dies nicht mehr zu. Die Brücke war nicht öffentlich, das Tor an der Hauptstraße wurde nur zu Dienstbeginn/-schluss und Pausenzeiten für die Beschäftigten geöffnet.
(Foto: Manfred Wildfeuer)


2003 wurde die nicht mehr benutzte Brücke abgetragen, Tor und Pfeilerfundament künden am 5. Juni 2005 noch vom ehemaligen Standort.


Bereits am 20. Dezember 1895 musste Boeßneck eine Genehmigung zur Erweiterung seines anfangs recht bescheidenen Fabrikgebäudes stellen. Dieses befand sich etwa in Höhe des unteren Stellwerks (1936 errichtet/Foto vom 5. Juni 2006).
70jährig verkaufte Ernst Bösneck seine Fabrik 1922. Diese trug nun die Bezeichnung “Maschinenfabrik Einsiedel” und hat die Gesellschaftsform einer GmbH seit Juni gleichen Jahres.
Es gab zwei Gesellschafter: Dr. Robert Reiner, US-Amerikaner aus Weehawken (Bundesstaat New York) mit 375.000 Reichsmark Kapitalanteil und den Chemnitzer Ingenieur Dr. Curt Scheller mit seinem Anteil von 125.000 Reichsmark.
Reiner vertrat und vertrieb die Erzeugnisse in den USA, was sich vor allem während der Weltwirtschaftskrise etwas mildernd auf den schwierigen Geschäftsgang dieser Jahre auswirkte. Nichts desto trotz ließ die Weltwirtschaftskrise die Belegschaft, welche 1922 ca. 400 Personen umfasste, rapide sinken, Entlassungen und Kurzarbeit waren die Regel.
Links Arbeiter des Betriebes bei einer Mai-Demonstration, wahrscheinlich im Jahre 1928.
Vom Status der Gesellschaftsform befand sich das Unternehmen ab Kriegsende “In Verwaltung”. Erst 1963 wurde die Firma ein VEB (“Volkseigner Betrieb”), eine “Rechtsform” für Betriebe in der DDR. Enteignete Firmen aller Art von “Großgrundbesitzern, Nazis und Kriegsverbrechern” wurden eigentlich bis 1948 endgültig verstaatlicht. Bei der Einsiedler Maschinenfabrik gestaltete sich die Sache etwas komplizierter. Hier galt der Sonderstatus “Auslandsbesitz”, da ja Dr. Robert Reiners Besitzanteil von 75% nicht enteignet werden konnte.
Unter der Firmenbezeichnung “Kombinat Polygraph Leipzig - Betriebsteil Einsiedel”, beschäftige der Betrieb bis zur Wende 1990 zahlreiche Arbeiter und Angestellte. Waren es 1950 96 Personen, stieg die Zahl bis 1975 auf 135. Zusammen mit den Mitarbeitern der in der Fabrik eingemieteten TGA (70 Mitarbeiter) betrug also die Belegschaftsstärke 205 Personen.
Das Foto (Haus & Grund Einsiedel) zeigt das Werk im Zustand um 1960.

In den ehemaligen Räumen der Verwaltung eröffnete im Dezember 2006 ein Fitnessstudio.
